Zu viele Flüchtlinge? Der Faktencheck zur „Flüchtlingskrise“!

Status: Flüchtling – Was heißt das überhaupt?

Genau 476.649! 476.649 Asylanträge gab es im Jahr 2015 in Deutschland. Ist das viel? Verändert sich die deutsche Kultur dadurch? Seit dem letzten Jahr, seit Angela Merkels berühmten „Wir schaffen das!“ ist es das Reizthema. Die Frage nach der Obergrenze steht im Raum. Aber Migration, Völkerwanderung, Flucht, das sind alles keine neuen Probleme, die es erst seit 2015 gibt. Menschen wandern schon immer aus den unterschiedlichsten Gründen aus ihrer Heimat aus, manche aus Zwang, manche freiwillig. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Asylanträge tatsächlich explodiert, 2014 waren es noch rund 200.000 Anträge. 2015 knapp eine halbe Million. Aber nicht jedem Antrag wird stattgegeben. Gerade mal jeder zweite bekommt in Deutschland den Status einen Flüchtlings zugesprochen. Was heißt das überhaupt? Dieser Status bezieht sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention, die 1951 ins Leben gerufen wurde. In dieser werden den Hilfesuchenden Rechte, aber auch Pflichten zugesprochen. Zunächst sollte sie die Flüchtlinge schützen, die durch den 2. Weltkrieg auf der Flucht waren und war zunächst auf Europa begrenzt. Im Jahr 1967 wurde die Konvention um ein Protokoll erweitert, dass die zeitliche und geographischen Beschränkungen der ersten Fassungen aufhob. Das Abkommen sieht vor, dass Menschen, die aufgrund ihrer Rasse, Nationalität, Religion, politischen Ansichten oder einer bestimmen sozialen Gruppenzugehörigkeit verfolgt werden Schutz zu bieten. 146 Staaten auf der Welt haben das “Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge” unterzeichnet. Laut der UN Refugee Agency, kurz UNHCR, wurden bisher 50 Millionen durch das Abkommen vor Verfolgung geschützt.

 

A refugee walks past Former Yugoslav Republic border guards after crossing the border from Greece in to the Former Yugoslav Republic of Macedonia.

 

Wie sieht es eigentlich mit den Deutschen aus? Auch die wandern aus. Immer wenn es in der deutschen Geschichte zu Konflikten gekommen ist, flohen viele Verfolgte unter anderem in die Vereinigten Staaten von Amerika. Als es zum Beispiel 1848/49 zum Scheitern der deutschen Revolution kam, wanderten viele Menschen in die USA oder nach Australien aus. Passend zur Jahreswahl werden diese Forty-Eighters genannt. Der Wahlspruch vieler war damals “Ubi libertas, ibi patria”, was übersetzt bedeutet „Wo die Freiheit ist, dort ist mein Vaterland“. Bezieht man dies auf die aktuelle Flüchtlingskrise, stellt sich die Frage, was ein Land und was Heimat ausmacht. Nüchtern betrachtet ist ein Staat ein abgegrenztes Stück Erde, in dem gewisse Regeln gelten, oft wird in diesem Zusammenhang auch von Wertegemeinschaft gesprochen. Diese Werte und die Kultur sind das Resultat von jahrhundertelangem menschlichen Zusammenleben mit all seinen Höhen und Tiefen. Kriege prägen das Wertebild genau so wie wissenschaftlicher Fortschritt, aber auch die konservative Rückbesinnung auf das, was vorher schon da war. Die Errungenschaften die eine Nation geprägt haben, lassen sich nur schwer in zeitliche Abschnitte unterteilen. Die Bundesrepublik wurde maßgeblich vom dritten Reich geprägt, daraus resultiert zum Beispiel, dass die Bundeswehr keine Angriffsarmee sein kann, aber auch der europäische Grundgedanke sind die Lehren dieser Zeit. Geht man noch weiter zurück, wird man feststellen, dass unsere Kultur auch stark vom Islam und dem nahen Osten geprägt wurden. Ganz offensichtlich, das Christentum kommt nun mal nicht aus Europa, hat sich hier allerdings prägend weiterentwickelt und etabliert. Und auch der Islam hat seine Spuren in Europa hinterlassen und das schon im 7. und 8. Jahrhundert Einerseits durch viele Eroberung, zum Beispiel auch Teile Spaniens, wie man heute noch an der Alhambra in Granada sehen kann, die im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Aber auch zum Beispiel in Italien finden sich Einflüsse islamischer Architektur. Auch Wissenschaft und Philosophie fanden so einen Aufschwung im Mittelalter Europas. Wohlgemerkt der Islam ist mitverantwortlich für die Entwicklung zur heutigen europäischen Kultur und Wissenschaft! Was wir also heute als Wertegemeinschaft verstehen, enthält viele Teile dieser Geschichte. Es lässt sich nicht geographisch abgrenzen. Wir haben nur eine gewisse Vorstellung was die Wertegemeinschaft bedeutet, und da es sich bei der Bundesrepublik um eine Demokratie handelt, ist der immer neue Findungsprozess auch gewollt. Es soll mehrere Meinungen geben, Gesetze geben uns einen gewissen Rahmen vor. Die Ethik und Moral lässt sich bei vielen Dingen bestimmt auch auf einen kleinen gemeinsamen Nenner runterbrechen, aber die Varrianz ist doch recht groß, also die verschiedenen Vorstellungen und Ideen wie Ethik und Moral auszusehen haben, sonst gäbe es die Diskussion um die Zuwanderung gar nicht. Man darf nicht vergessen, dass die Gleichberechtigung der Frau noch nicht so lange bei uns Standard ist und das sie noch lange nicht wirklich umgesetzt ist. Ich denke da zum Beispiel an die unterschiedliche Bezahlung. Das immer noch ein ziemlich Skandal. Oder der Paragrafen 175, der Sex unter Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 aufgehoben! Bis vor kurzem war also Homosexualität in Deutschland noch unter bestimmten Bedingungen strafbar. Schlimm!

 

A refugee from Syria hugs her crying daughter moments after reaching the shores of Lesbos island in an inflatable boat, having crossed part of the Aegean sea from the coast of Turkey to Greece.

 

Die Geschichte der Menschheit ist geprägt durch Auswanderung. Ob Europäer vor dem Einfall der Hunnen fliehen, Juden sich vor Verfolgung in Sicherheit bringen oder Deutsche in den USA bessere Perspektiven sehen. Und es gibt dort ganz tolle Beispiele von Städten, in denen die ursprüngliche Bevölkerung heute in der Minderheit ist und alle trotzdem prima zusammenleben. Die USA sind auch das beste Beispiel für eine Migrantennation. Erinnern wir uns an die Zahl vom Anfang, 476.649 Asylanträge in Deutschland. Es fielen Sätze wie “das Boot ist voll”, aber platzt Deutschland wirklich aus allen Nähten? Wie viele Deutsche verlassen eigentlich das Land selbst? Laut dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, kurz SVR, verlassen vor allem junge und qualifizierte Menschen Deutschland, 70 Prozent der Auswanderer sind hochqualifiziert. Von 2009 bis 2013 zogen rund 710.000 Deutsche ins Ausland. Im gleichen Zeitraum zogen nur 580.000 hinzu. Die meisten zogen übrigens in die Schweiz und die USA. Natürlich handelt es sich bei den deutschen Auswanderern um Menschen, die sich frei entschieden haben, das Land zu wechseln. Ganz anders sieht es bei den rund 60 Millionen Menschen weltweit aus, die keine andere Perspektive haben und ihr Land aufgrund von Krieg oder Verfolgung verlassen müssen. Die Anzahl der Personen innerhalb des Bundesgebietes wächst mit den Flüchtlingen so nicht wirklich bemerkenswert an, und nur zwei Prozent aller Flüchtlinge weltweit kommen nach Deutschland.

 

Migrants and refugees disembarking at the port of Augusta, Sicily, helped by staff of the Italian Red Cross.

 

Für Experten ist Migration schon seit Jahren Teil der deutschen Kultur, auch wenn das meistens nur unterbewusst wahrgenommen wird. Die Vielfalt sei zum Beispiel in vielen Firmen ein gewollter Faktor, von dem man profitieren kann, vor allem wenn man international erfolgreich sein will. Damit die Integration der Menschen weiter funktioniert, liegt es am Staat für genügend soziale Gerechtigkeit zu sorgen, die Rechte und Pflichten für die Menschen klar aufzuzeigen aber auch die Prozesse zu optimieren. Denn ein wirklich großes Problem ist weiterhin die langsame Bearbeitung der Asylanträge. Auch die Medien haben ihren Anteil am Gelingen oder Nichtgelingen der Integration. Einigen etablierten Medien gelingt es mit reißerischen Überschriften immer wieder Misstrauen und Angst zu verbreiten. Dies bietet dann einen guten Nährboden für die rechte und rechtskonservative Szene, die die Lage für sich gut zu nutzen findet und zeigt, wie verschieden die Vorstellungen in der Wertegemeinschaft Deutschland doch sein können. Die letzte große Flüchtlingswelle fand übrigens in den 1990ern statt, auch damals schnellte Zahl der Asylanträge auf 400.000 an. Im Jahr 1992 zeigte die Wertegemeinschaft Deutschland allerdings auch ihr hässlichstes Gesicht, als in der zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Rostock Lichtenhagen besorgte Bürger tagelang bürgerkriegsartige Zustände auslösten. Es kam damals soweit, dass das Gebäude, in dem sich auch Kinder aufhielten, mit Molotowcocktails beworfen und teilweise gestürmt wurde. Damals kam es zum Versagen der Polizeikräfte, ähnlich wie man es ihnen nun bei dem Vorfall in der Silvesternacht in Köln vorwirft. Aus dem Vergleich der beiden Situationen lässt sich erkennen, wie wichtig es ist, dass der Staat in der Lage sein muss, die soziale Lage, ob es sich nun um Nordafrikaner oder um besorgte Deutsche handelt, richtig einzuschätzen und vorher die Bedingungen schaffen muss, damit das Zusammenleben aller gut verlaufen kann. Dazu gehört zum einem zum Beispiel die soziale Gerechtigkeit und zum anderen eine vernünftige Integrationspolitik. Wie positiv sich aber auch das Engagement der Bürger, also von uns auswirkt, das zeigen die zahlreichen Berichte aus den letzten Wochen. Wer positiv aufgenommen wird, der ist auch gerne bereit sich in die Gesellschaft zu integrieren und positiv an der Gestaltung der Zukunft teilzunehmen.

 

Muhammad from Iraq plays the piano for the fist time in his life with Marta, a singer and an activist in I Want to Help Refugees. Marta says that enduring poverty in Latvia is one reason why Latvians are ambivalent about accepting refugees.

 

Natürlich muss, darf und soll zu dem Thema Zuwanderung kritisch diskutiert werden. Nur weil Migration Teil der Menschheitsgeschichte und zumindest in diesen Zeiten unvermeidbar ist, können die Herausforderungen nicht totgeschwiegen werden. Sie ist sogar eine Chance, sich der Probleme durch fehlende soziale Gerechtigkeit bewusst zu werden und so auch auf anderen Gebieten für positive Entwicklungen für alle Menschen innerhalb der Gesellschaft zu sorgen. Ich frage jetzt mal ganz offen: Was meint ihr?

Quellen:
»Migration ist eher die Normalität« – Reutlinger General-Anzeiger – Region Reutlingen – Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Migrationsforschung – Wikipedia
Migrationssoziologie – Wikipedia
Völkerwanderung – Wikipedia
Geschichte der Migration – Google Scholar
Globale Migration: Geschichte und Gegenwart – Jochen Oltmer – Google Books
http://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2016/201610106-asylgeschaeftsstatistik-dezember.html?nn=1367522
http://www.unhcr.de/mandat/genfer-fluechtlingskonvention.html
http://www.bpb.de/apuz/33398/der-islam-als-geburtshelfer-europas?p=all
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/auswanderung-aus-deutschland-neue-studie-zeigt-gruende-a-1022743.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen
http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56443/flucht-und-asyl-seit-1990
http://www.ksta.de/politik/asylbewerber-in-deutschland-1992-kamen-fast-eine-halbe-million-fluechtlinge,15187246,30693060.html

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