Tschernobyl für 100 Jahre sicher?

Beitragsbild: chnpp.gov.ua

Das havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl soll besser abgeschirmt werden.

Aber schauen wir uns zunächst die Ereignisse an, die jetzt schon über 30 Jahre zurückliegen und zu dem Super-GAU geführt haben. Am 26.April 1986 schmilzt der Kern im Block 4 des Atomreaktors vom Typ Reaktor Bolschoi Moschnosty Kanalny im Kernkraftwerk Tschernobyl. Der Reaktorkern lag während der Katastrophe frei und brannte. In der direkten Umgebung und in weiteren Teilen Europas wurden die Menschen erhöhter Radioaktivität ausgesetzt. In der Nachbarstadt Prypjat wurde die Bevölkerung 30 Stunden lang stark verstrahlt, bis sie schließlich evakuiert wurde. In Westeuropa ging man vollkommen unbedarft mit der Situation um. So ließen die Veranstalter des riesigen Feuerwerkevents „Rhein in Flammen“ hunderttausende Menschen im radioaktiven Fallout stehen. Alle Verantwortlichen waren mit dieser Katastrophe vollkommen überfordert. Es war ein Super-GAU. GAU steht dabei für “Größter anzunehmender Unfall”. Laut der Einschätzung von Atomphysikern zu Beginn der friedlichen Nutzung der Atomenergie sollte sich so ein Unfall nur alle ein Million Jahre ereignen. Es gab aber seit dem Beginn der Nutzung der Atomkraft mindestens acht Kernschmelzen. Ein solcher GAU findet also statistisch gesehen alle zehnJahre statt.

Was war also in Tschernobyl passiert? Ein für die Zulassung des Reaktors notwendiger Test sollte mit drei Jahren Verspätung endlich durchgeführt werden. Es sollte gezeigt werden, dass die Turbinen bei einem Stromausfall und gleichzeitigem Abschalten des Reaktors noch genügend Energie erzeugen, um den Notbetrieb aufrecht zu erhalten. In einer solchen Situation dauert es rund 30 bis 60 Sekunden bis das Notstromaggregat anläuft. In dieser Zeit muss die verbliebene Rotationsenergie der Turbinen die Steuerungstechnik des Kraftwerks mit Strom versorgen. Sie werden durch den heißen Wasserdampf, der durch die Hitze der Kernreaktion erzeugt wird, angetrieben. Bei Abschaltung des Reaktors und gleichzeitigem Stromausfall sind sie die einzige Chance noch ausreichend Energie für den Notbetrieb zu erhalten. Diese Situation musste also hergestellt werden.

Dafür musste der Reaktor runtergefahren werden. Da es aber höheren Strombedarf in der Ukraine gab, musste der Versuch verschoben werden und der Reaktor lief länger in einem niedrigen Leistungsbereich. Dadurch wurde Neutronen-absorbierendes Xenon135 gebildet. Es beeinflusst die Leistung des Reaktors massiv. Die Bedienmannschaft ahnte aber nichts von dieser Xenonvergiftung oder zumindest nichts vom Umfang dieser Vergiftung. Im Vorfeld des Versuches geriet der Reaktor dann in immer niedrigere und vor allem nicht zugelassene Leistungsbereiche. Durch das Xenon war der Reaktor zudem nur sehr schwierig zu steuern. Das war fatal. In dieser Situation wurde der Test begonnen und wurde eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen war. Durch den Super-GAU wurde ein riesiges Gebiet verseucht und zahlreiche Arbeiter und Rettungskräfte kamen dabei um.

Damals wurde das zerstörte Kraftwerk in eine Hülle, auch Sarkophag genannt, aus rund 7.000 Tonnen Stahl und 400.000 Kubikmeter Beton verpackt. Dass dieser Sarkophag nicht ewig halten wird war den Forschern schon damals klar. Und jetzt? In den kommenden Wochen soll der Reaktor in Tschernobyl einen neuen 100 Meter hohen, 160 Meter langen und 260 Meter breites Abschirm-Dach bekommen. Das „New Safe Confinement“ – kurz NSC – soll den Experten nochmal rund 100 Jahre Zeit geben, um sowohl die alte Hülle als auch die Reaktorblöcke an sich sicher abbauen zu können. “Sicher” ist dabei ein sehr dehnbarer Begriff.

„Die Herausforderung besteht in der Langfristigkeit“ – „Sie soll 100 Jahre dicht sein, um Zeit für den Rückbau zu haben. Die werden wir brauchen“ – „[…] Da liegt irgendwo Kernmaterial zusammengeschmolzen in unbekannten Mischungen und in irgendwelchen Stockwerken“ – „Auch wissen wir nicht, wo die Brennelemente sind. Die Unsicherheiten sind enorm.“, so Walter Tromm, Sprecher des Programms für Nukleare Entsorgung, Sicherheit und Strahlenforschung.

Die Situation vor Ort ist also 30 Jahre nach dem GAU immer noch chaotisch und auch gefährlich. Sicher ist und wird dort noch viele viele Jahre nichts sein.

Quellen:
http://www.zeit.de/wissen/2016-11/tschernobyl-sarkophag-atomkraft-stahl-beton/komplettansicht
http://www.grs.de/content/tschernobyl
http://chnpp.gov.ua/ru
http://chnpp.gov.ua/en/photos
https://www.youtube.com/channel/UClwz6MDOkmkEkPauvRGlxhg/videos
https://www.youtube.com/watch?v=F9URUQvGE9g
http://clixoom.de/so-geschah-die-tschernobyl-katastrophe/541
http://clixoom.de/havarie-kernkraftwerk-tschernobyl-wird-ueberdacht/511

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